Jungs sind eben so

Der Königsbronner Teilort Ochsenberg ist eine Art deutscher Hauptstadt des Waldarbeitswettkampfs. Dass auch die internationale Forstsport-Szene immer wieder auf die Ostalb blickt, liegt nicht zuletzt an Markus Wick und Wolfgang Junglas, der Teamführung der deutschen Waldarbeiter-Nationalmannschaft.

Eines der letzten Trainings vor der Landesmeisterschaft ist an einem kalten Sonntagmorgen im April angesetzt. Wolfgang Junglas heizt noch rasch die Ofen in der kargen Holzhütte ein, dann setzt er sich zum Gespräch an den Tisch. Der 53-Jährige ist der Technische Leiter der Nationalmannschaft, seine Kollege Markus Wick (46) ist offiziell Teamchef, sie betonen aber, dass ihre Arbeit gleichberechtigt machen. Hierarchien und Standesdünkel gibt es da nicht, sie sind, wie Waldarbeiter eben sind: rau und herzlich zugleich. Klare Kante.

In diesen Wochen ballen sich die Aufgaben: Nach der Landesmeisterschaft in Ochsenberg stehen die Deutschen Meisterschaften in Bayern an, Anfang Juli wird dann erneut in Ochsenberg die neue Nationalmannschaft ermittelt, die 2018 in Norwegen einmal mehr ihrer WM-Favoritenrolle gerecht werden soll. 2014 wurde Deutschland in der Schweiz Weltmeister, 2016 in Polen fehlten nur vier Punkte zum neuerlichen Sieg.

Das Trainerteam der Holzfäller-Nationalmannschaft: Wolfgang Junglas (li.) und Markus Wick.

In fünf Disziplinen treten Forstsportler bei ihren Meisterschaften an. Sie fällen Bäume zentimetergenau auf ein vorgegebenes Ziel, führen mit den Motorsägen fast chirurgisch präzise Schnittkombinationen aus, wechseln binnen weniger Sekunden die Ketten ihrer Sägen. „Jungs sind so, sie wollen sich messen“, sagt Markus Wick über die Ursprünge solcher Wettkämpfe. Freilich treten längst auch Frauen an, wenn auch wenige.

Heute regelt ein daumendickes Regelwerk den Wettkampf – und die Regeln speisen sich aus der täglichen Arbeit: Waldarbeit gilt bis heute als eine der gefährlichsten Tätigkeiten, also gibt jeder Verstoß gegen die Sicherheitsregeln massiven Abzug.
Die allermeisten, die in der Weltspitze mitsägen, stapfen auch im Alltag mit schwerer Ausrüstung durch den Wald, eine Berufsgruppe, die viel mit Leidenschaft zu tun hat. Nicht anders war es bei der deutschen Teamführung: „Für mich gab es nie etwas anderes, als im Wald zu arbeiten“, sagt Wick. Heute ist der Gerstetter Meister am Forstlichen Bildungszentrum Königsbronn.

Wolfgang Junglas wurde in der Eifel geboren und lebt heute in Gerstetten. „Arbeit im Büro schied für mich völlig aus“, sagt er. Eher spontan ließ er sich zum Forstwirt ausbilden – und fand seine Berufung. Er wurde Forstwirtschaftsmeister, vor 25 Jahren kam er, die „rheinische Frohnatur“, auf die raue Alb und bildet seither Azubis am Hauptstützpunkt Bartholomä aus. Mitte der Neunziger riet ihm der damalige Forstamtsleiter, doch mit ein paar Azubis zu den Schwäbischen Meisterschaften zu fahren. „Ich hatte keine Ahnung, habe ein bissle geübt und kam erstaunlicherweise unter die ersten zehn“, erinnert sich Junglas.

Und er traf Markus Wick, eine enge Freundschaft wuchs, vielleicht eine der Voraussetzungen für den Erfolg, den sie heute als Team haben. Davor freilich stand einiges an Aufbauarbeit. Noch 1995 gründete sich in Ochsenberg der Verein Waldarbeitsmeisterschaften Baden-Württemberg und richtete wenige Monate später eine Meisterschaft aus, zwei Jahre später zogen sie die Deutsche Meisterschaft an Land, bei der sich Junglas für die WM 1998 in Österreich qualifizierte. Ein prägendes Erlebnis: „Ich stand dort, und niemand kümmerte sich um mich. Das will ich heute anders machen.“

Als sie 2010 die Teamführung übernahmen, installierten sie ein System, das zugleich Höchstleistungen und auch Transparenz ermöglichen soll. In der Weltspitze erreichten alle zu 95 Prozent das gleiche Niveau, „unser Job ist es, die letzten fünf Prozent herauszukitzeln“, sagt Wick. Und das mit einer Truppe von beinharten Alphatieren.

Die besten drei der Deutschen Meisterschaften und die sieben Punktbesten des vergangenen Jahres treffen sich Anfang Juli zum viertägigen Ausscheid – am Ende sollen drei Profis und ein U24-Junior als neues Nationalteam feststehen. Danach geht es in die WM-Vorbereitung. Die entscheidenden fünf Prozent sind Psychologie und physisches Training ebenso, wie die Betreuung durch die weltweit dienstälteste Teamführung. „In anderen Ländern werden die Nationalmannschaften von Funktionsbeamten geleitet, die nie selber Wettkämpfer waren“, erzählt Wick. Der Vorteil der Deutschen: Sowohl Wick als auch Junglas sind langjährige aktive Wettkämpfer, die nicht nur die Disziplinen tief verinnerlicht haben, sondern auch den Druck einer WM selber erlebt haben. Diesen Druck versuchen sie von ihrem Team zu nehmen.

Dazu kommen knifflige Details: Sie ermitteln, wie das Holz in der norwegischen WM-Region beschaffen ist, um die Sägeketten exakt darauf abzustimmen. Solche Aufgaben gehören zum, wie Wick scherzhaft sagt, „Spionagebetrieb“ der Teamführung.

„Ich bin der Impulsive, der die Jungs auch mal antreibt“, sagt Wick. Wolfgang Junglas ergänzt: „Ich bin eher der ruhende Pol, zu mir kommt, wer ein bisschen runterkommen muss.“ Und: „Wenn jemand abzuheben droht, dann holen wir ihn sanft wieder auf den Boden zurück.“

Nebenbei organisieren sie die Reisen zu den Wettbewerben und sorgen für Sponsoren, damit die Sportler zumindest nicht draufzahlen. Denn klar ist auch in der Forstsport-Weltspitze: Man verdient keinen Cent. Entschädigt werden sie dafür über den Respekt, den sich die deutschen Wettbewerbswettkämpfer international erarbeitet haben. „Wenn wir zu einer WM reisen, schaut man schon ganz genau hin, was die Deutschen machen“, weiß Wick.

(Diese Geschichte blieb „übrig“. Ich finde sie aber zu hübsch für den Papierkorb.)

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