Für eine Handvoll Brezeln

Wenn man was auch immer seit 20 Jahren tut, kann man fest davon ausgehen, dass man alt geworden ist. Man kann dann sagen, dass früher alles besser war, zumindest anders, aber in den meisten Fällen gaaanz bestimmt besser. Manchmal wärmt es ja, wenn man sich in die eigene Tasche lügt.

Heute vor 20 Jahren erschien mein erster richtiger (also: bezahlter) Artikel in einer Zeitung. In der Heidenheimer Zeitung, der ich seither mal mehr, mal weniger verbunden bin. Damals erschien dieser Job logisch, ich stand eh bei allen Konzerten herum, also konnte ich auch drüber schreiben und noch ein bisschen was zum Brotjob dazuverdienen. Das lief auch gut an, die Kulturredaktion schickte mich ein, zwei Mal die Woche zu allen möglichen Gigs, ich warf nachts noch den belichteten Film in den Briefkasten, tippte dann bis noch später in der Nacht meine Zeilen und faxte die Seiten dann in die Redaktion.

Am übernächsten Morgen fuhr ich dann zur Tankstelle, um eine HZ zu kaufen, weil wir in der WG damals die Konkurrenz abonniert hatten. Heute kann ich das ja zugeben. Volo wurde ich auch bei der HZ, kurz darauf Redakteur und nach einer Schamfrist wieder Freier.

Diesen alten Text wieder rauszuziehen, hat mich ein bisschen Suche gekostet und Kichern eingebracht. Die sagenhaft nichtssagende Überschrift ist nicht von mir, und auch der verblüffende Schreibfehler in der zweiten Spalte stand so nicht im Original. Die zusammengeklaubten Phrasen aus dem Handbuch für Rock-Chronisten nehme ich aber auf meine Kappe und hoffe, dass zumindest das früher nicht besser war.

20 Jahre also, wenn man alles zusammenrechnet fast 17 davon als Freier. Ich bereue das überhaupt nicht. Freier Journalist zu sein, ist wunderbar. Auf der einen Seite. Es gibt aber auch viel Schatten. Manchmal (d.h. sehr oft) würde ich mir in manchen Redaktionen mehr Verständnis für die Freien wünschen. Und ja, es gibt auch sehr positive Beispiele.

Dass Freie im Lokalen nicht jubeln, wenn sie freitagabends zu Terminen geschickt werden, denen man schon an der Einladung ansieht, dass sonst einfach niemand Bock drauf hatte – geschenkt. Viel mühsamer ist es, immer wieder übers Geld reden zu müssen. Geht ernsthaft jemand zum Bäcker und sagt ihm: „Alter, deine Brezeln haben vor 15 Jahren 30 Cent gekostet, ich zahl‘ dir heute sicher keine 50!“ Freien gegenüber trauen sich manche das, ich hab es letztes Jahr bei einer Zeitung erlebt, die dann eben nichts bekam. Und seither auch nix mehr.

Es ist auch doof, wenn Texte nicht nur im Netz verbreitet, sondern womöglich auch noch an Partnerverlage verkauft werden, ohne den Autor daran zu beteiligen. Der hat sich nämlich im Zweifel mühsam in ein Thema eingearbeitet, und wenn es dann überall schon rausgehauen wurde, kann er sich die Zweitverwertung in die Haare schmieren. Aber auch das manchmal so elende Feilschen um 100 Euro mehr oder weniger für eine lange Geschichte, an der man eine oder zwei Wochen arbeitet, kratzt an der eigenen Würde.

Mich nervt aber auch, dass viele Freie untereinander so wenig zusammenarbeiten. Mal gemeinsam Nein zu sagen oder gemeinsam über ein angemessenes Honorar zu verhandeln, hat eine ganz andere Wucht. Jeder weiß doch, wie scheiße man sich fühlt, wenn man eigentlich mit viel Leidenschaft eine tolle Geschichte schreiben will, aber davor um ein paar Euro mehr betteln muss. Oder es zähneknirschend sein lässt.

Früher war nicht alles besser. Nö, aber es wird besser. Es gibt dieses Jahr seit zehn Jahren die Freischreiber, diesen rührigen, noch immer etwas zu kleinen, aber sehr mutigen Verein, der für bessere Arbeitsbedingungen für Freie kämpft. Es gibt aber auch ein Modell wie Riffreporter, mit dem Potenzial, freiem Journalismus eine ganz neue Basis zu schaffen. Die Freischreiber wie die Riffreporter setzen dem Elend dahinbröselnder Honorare zum einen eine gewissen Marktmacht, aber auch die schrittweise Abkopplung vom bisherigen Markt entgegen. Beide Wege sind wichtig und ebenso steinig. Und vielleicht wächst auch in manchen Redaktionen irgendwann das Bewusstsein, dass Freie eine wertvolle Ergänzung des eigenen Themenspektrums sein können.

Ich bin jedenfalls sehr gerne Journalist, heute wie vor 20 Jahren

(Anmerkung: ja, dieser Beitrag ist hastig geschrieben, kostet aber auch nix ;-))
(Und ja, ich bin Mitglied von Freischreiber und Riffreporter)

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